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Perspektive 2010

Zukunft von Produktion und Logistik am Standort Schweiz

Offenes Abendgespräch der Erfa-Gruppe PIM "Produktions- und Informationsmanagement"

Heinz Kundert, Unaxis Jakob Knüsel, Migros Moderation: Dr. Kurt Speck, HandelsZeitung


Mehr als 100 Teilnehmer trafen sich am 25. Juni mit Heinz Kundert, CEO der Unaxis, und Jakob Knüsel, Leiter des Departements Industrie der MIGROS, zu einem regen Austausch über die Vor- und Nachteile des Produktionsstandorts Schweiz und seine Zukunftsperspektiven. Dr. Kurt Speck, Chefredaktor der HandelsZeitung, führte durch den Abend und moderierte die Diskussion.

Prof. Schönsleben begrüsste die Teilnehmer im GEP-Pavillon der ETH-Zürich. Anschliessend eröffnete Dr. Speck das Gespräch und warf die Frage auf, welche Vorzüge der Produktionsstandort Schweiz aufweist, welche Chancen er hat und wo Gefahren für den Standort liegen. Er bat Herrn Heinz Kundert, diese Frage aus Sicht eines globalen High-Tech-Unternehmens mit Hauptsitz in der Schweiz, der Unaxis AG, zu beantworten.

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Herr Kundert orientierte das Publikum in seinem Vortrag "Supply Chain Management - Zentrales Thema für globale High-Tech-Unternehmen" zu Beginn über die starke Exportorientierung der Unaxis AG. 30 % der Wertschöpfung findet in der Schweiz statt, 99 % der Produkte werden exportiert. Der Konzern ist in den Bereichen Halbleiter Front-End und Back-End (ESEC), Flachdisplays, Speichermedien, Optik, Oberflächentechnologie (Balzers), Vakuumtechnologie (Leybold) und Raumfahrt (Contraves Space) tätig. Synergien zwischen diesen acht Divisionen entstehen über die gemeinsame Nutzung technologischer Grundlagen. So verwenden beispielsweise sechs von acht Divisionen Vakuumtechnologie, fünf setzen dünne Schichten ein, und in allen Bereichen ist Präzisionstechnologie relevant.

Strategie des Unaxis Konzerns ist es, in allen Sparten bezüglich des Marktanteils an erster oder zweiter Stelle zu liegen. Herr Kundert begründete diese Strategie damit, dass ein Unternehmen nur in zwei Situationen hochprofitabel sein kann: Es kann sich entweder mit einem geringen Marktanteil und geringen fixen Kosten auf eine Marktnische spezialisieren oder einen sehr hohen Marktanteil mit höheren fixen Kosten anstreben. Zwischen diesen beiden Bereichen, bei einem Marktanteil von 5–10 %, besteht die Gefahr, hohe Fixkosten nicht mit einem entsprechenden Umsatz rechtfertigen zu können.

Bevor Herr Kundert auf den Produktionsstandort Schweiz einging, zeigte er an verschiedenen Beispielen die besonderen Herausforderungen auf, denen sich die High-Tech-Branche stellen muss: Die Durchlaufzeit einer Technologie von der Entwicklung zur Marktreife beträgt im Maximum zehn Jahre. Dies verursacht hohe Entwicklungskosten, die bis zur Hälfte der Kosten eines Produkts ausmachen können. Sie müssen innerhalb des sehr kurzen Produktlebenszyklus von zum Teil nur wenigen Monaten verdient werden. In einigen Märkten kommt es zusätzlich innerhalb des Produktlebenszyklus zu einem starken Preisverfall, in einem konkreten Fall von mehr als 80 % in zwei Jahren.

Eine geringe Wertschöpfungstiefe ist für die Unaxis AG eine der Antworten auf diese Herausforderungen: Der Outsourcing-Anteil beträgt in einigen Divisionen der Unaxis bereits 85%. So ist nur wenig Kapital in Produktionsanlagen gebunden und das Absatzrisiko entlang der Supply Chain verteilt. Mit abnehmender Wertschöpfungstiefe kommt dem Supply Chain Management eine hohe Bedeutung zu. Die Idee, die gesamte Wertschöpfungskette zu steuern, verlangt vom Supply Chain Management auf der einen Seite, Einfluss auf die Produktentwicklung zu nehmen, auf der anderen Seite erfordert diese Idee eine gute Kenntnis der Marktbedürfnisse.

Bei der Unaxis AG hat sich bewusst eine weltweite Aufgabenteilung ergeben. Während das Unternehmen in den USA präsent sein muss, um bei Entwicklungen in Grundlagentechnologien auf der Höhe der Zeit zu sein, betreibt es Innovationszentren in Europa, hauptsächlich in Frankreich. In Italien, Deutschland und der Schweiz, zunehmend aber auch in Osteuropa, nutzt die Unaxis AG das Know-how in der Mechatronik. Eine spezielle Rolle nimmt Japan ein: Sony und Hitachi beispielsweise unterziehen die Produkte im Customizing landestypisch einer besonders kritischen Prüfung und werden deshalb zur „Qualifikation“ von Produkten eingesetzt. Asien insgesamt wird in den nächsten Jahren als Absatzmarkt für das Unternehmen stark an Bedeutung gewinnen.

Jakob Knüsel stellte seinem sich anschliessenden Vortrag „Perspektive 2010 – Quo vadis Migros-Industrie?“ ein Zitat von Bruno Kreisky voran: „Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“. So wandte er sich zunächst der Geschichte der Industriebetriebe innerhalb der Migros zu. Sie entstanden ab 1928, weil Markenartikel-Hersteller die Idee Gottlieb Duttweilers boykottierten, Nahrungsmittel unter Ausschaltung des Grosshandels sehr günstig anzubieten. Als erster Industriebetrieb kam die MIDOR zur MIGROS. Bis 1964 folgten elf weitere. Die ab dem Jahr 2000 hinzugestossenen Betriebe erschliessen dem Unternehmen neue Vertriebskanäle – Grossverbraucher und das Ausland. Insgesamt arbeiten bei den Industriebetrieben der MIGROS heute 10'000 Menschen. Die Unternehmen bieten 200 Lehrstellen an.

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Um die Belieferung der MIGROS konkurrieren ihre Industriebetriebe mit anderen Lieferanten. Dabei erhält das Unternehmen den Zuschlag, das einen definierten Warenkorb am günstigsten anbieten kann. Aus dem Warenkorb werden allerdings die in der Schweiz am Agrarmarkt sehr hohen Rohstoffkosten heraus gerechtet. Neu am Markt erscheinende Produkte werden von dem Unternehmen beschafft, das sie als erstes anbieten kann. Wenn die MIGROS mit einem eigenen Produkt nicht in der Lage ist, einen Marktanteil von mindestens 30 % zu erreichen, kauft sie auch Markenartikel anderer Hersteller ein. Insgesamt soll das Sortiment aber zu höchstens 3-4 % aus solchen fremden Markenartikeln bestehen. Einen Entfernungsschutz gibt es bedingt durch geringe Transportkosten nur für Frischeprodukte.

 

Herr Knüsel zeigte, dass für die Industriebetriebe der MIGROS andere Entwicklungen in den nächsten sieben Jahren eine Rolle spielen werden als für die Unaxis: Dazu zählen die Liberalisierung der Märkte durch Vereinbarungen in der Welthandelsvereinigung WTO und mit der Europäischen Union, ein nicht mehr wachsender Inlandsmarkt und die Tendenz zum Einkauf jenseits der Grenze - mehr als 1,5 Mia. SFr. geben Schweizer jährlich für den Einkauf von Nahrungsmitteln im Ausland aus. Angesichts dieser Entwicklungen wird für die MIGROS der Wechselkurs von Franken zu Euro an Bedeutung gewinnen. Es ist erklärtes Ziel der Industriebetriebe, die Stellung als wichtigster Lieferant der MIGROS zu verteidigen und auszubauen. Teilweise ist dazu die Konzentration auf Stärken notwendig, die einerseits durch Kooperationen mit anderen Herstellern erfolgt, um Skaleneffekte erzielen zu können, und andererseits durch Abgabe oder Verkauf nicht leistungsfähiger Bereiche realisiert werden kann. Der damit wegfallende Umsatz wird durch Erschliessung neuer Märkte (Grossverbraucher und Abnehmer im Ausland) kompensiert. In diesem Prozess sind einige der Industriebetriebe bereits fortgeschritten. So erzielt beispielsweise MIBELLE 27 % und MIFA 14 % des Umsatzes mit Dritten. Für den Absatz im Ausland sind die Herkunft aus der Schweiz und die Rezeptur wesentliche Erfolgskriterien.

Dr. Speck leitete die sich an die Vorträge von Herrn Kundert und Herrn Knüsel anschliessende Diskussion ein und stellte beiden Referenten die Frage, welche Bedeutung eine vertikale Integration für ihre Unternehmen noch hat. Herr Knüsel beschrieb, dass sich durch die anstehende Reduktion der Breite und Tiefe des von der MIGROS selbst produzierten Sortiments – also durch die Spezialisierung der Industriebetriebe – die Frage Make-or-Buy in vielen Bereichen stellen und zu einer abnehmenden vertikalen Integration führen wird. Die Unaxis hat diesen Prozess sehr weit vollzogen und weist eine Wertschöpfungstiefe von nur noch 15–30 % auf. Es sei Teil der Strategie, sie weiter zu senken, antwortete Herr Kundert.

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Angesichts der abnehmenden Wertschöpfungstiefe stellte sich die Frage, welche Rolle das Markenzeichen „Schweizer Produktion“ für ein Produkt spielt und ob ein Unternehmen wie die Unaxis aus diesem Grund Teile der Produktion, zum Beispiel die Endmontage, in der Schweiz belassen sollte. Herr Kundert wies darauf hin, dass Kunden sich vor allem wegen der Kompetenz des Entwicklungsteams für die Unaxis entscheiden. So bezieht fast jeder Kunde, der das Entwicklungsteam in der Schweiz besucht hat, schliesslich auch Produkte vom Unternehmen. Daraus erklärt sich der Weg der Unaxis AG, eher in Technologien als in Maschinenzentren zu investieren. „Produzieren kann man überall auf der Welt“, schloss Herr Kundert.

Er zeigte am Beispiel der Produktion optischer Komponenten, dass nicht allein die um 40 % geringeren Arbeitskosten die Unaxis AG nach China brachte, sondern vor allem die Nähe der Produktion zu den meisten Lieferanten und Kunden. Aus dem Publikum wurde er daraufhin gebeten, die Gefahr einzuschätzen, dass in Zukunft auch die Entwicklung von High-Tech-Unternehmen nach China verlagert wird. Herr Kundert führte als wichtigen Vorteil für Europa und Japan an, dass ein Return on Investment auf die Entwicklung langfristig in einem Zeitrahmen von zehn Jahren erwartet wird. Dass dieser Zeitraum in China bei etwa einem Jahr liegt, ist ein so wesentliches Hindernis für die Entwicklung, dass sie in den nächsten Jahren sicher nicht dorthin verschoben wird.

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Herr Knüsel führte an, dass Produktionsverlagerungen in seinem Bereich häufig nicht durch Standortfaktoren, sondern durch Verschiebungen in der Nachfrage bedingt sind. Der Trend zu PET-Flaschen hat die in der Schweiz hergestellte Menge an Glas-Flaschen deutlich sinken und die Produktionskosten damit steigen lassen. Einer ähnlichen Situation sehen sich Dosen-Produzenten gegenüber. In diesem Markt wird in Zukunft vermutlich nur noch für einen statt für drei Schweizer Anbieter Platz sein.

Nach den wichtigsten Faktoren für die Zukunft des Standorts Schweiz gefragt, antworteten Herr Knüsel und Herr Kundert einstimmig, dies sei die Ausbildung der Mitarbeiter. Herr Kundert verwies auf einen Mangel an Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, Herr Knüsel vermisst vor allem Mechaniker und Elektriker für den Unterhalt von Anlagen. Ein Zuhörer verwies darauf, dass es auch Sache der Unternehmen sei, das Image von Ausbildungs- und Ingenieurberufen zu pflegen. Angesichts der hohen Temperaturen freuten sich alle Teilnehmer nach der angeregten Diskussion auf einen erfrischenden Apéro auf der Terasse vor dem GEP-Pavillon. Sie nutzten die Gelegenheit, sich noch weiter über die "Perspektive 2010" des Standorts Schweiz und die Situation in ihren Unternehmen auszutauschen.

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